Gegen die Angst
Süddeutsche Zeitung SZ Nr. 154, Beilage für Ingenieure, S. V2/15 vom 7./8. Juli 2007

Autor: Walter Schmidt

Gegen die Angst
Ein gutes Design medizinischer Geräte hilft sowohl Ärzten als auch Patienten

Wer sich je einem Computer-Tomographen (CT) nähern und dann in dessen enge Röhre eingefahren werden musste, hat erlebt, wie ausgeliefert man sich als Patient fühlen kann. Das rätselhafte Brummen und Blinken moderner Geräte sorgt für ein mulmiges Gefühl, vom eindringlichen Sirren eines Zahnbohrers mal ganz zu schweigen. Designer wollen medizintechnische Geräte daher so gestalten, dass sie nicht nur leichter zu bedienen und einfacher zu warten sind, sondern auch den Patienten ihre Ängste nehmen.

„Psychologie spielt bei unserer Arbeit eine ganz große Rolle“, sagt die Industrie-Designerin Katrin Wellmann, Mitinhaberin der Firma :echtform in Rösrath bei Köln. „Während Ingenieure bei Geräten eher darauf achten, dass ihre Technik funktioniert, schauen Designer vor allem darauf, wie menschengemäß sie sind.“
Und dazu gehört für Wellmann eben auch die äußere Wirkung. „Wir wollen den Patienten die Angst vor Medizintechnik nehmen, damit die an ihren Körpern eingesetzten Geräte nicht wie brachiale Maschinen auf sie wirken.“ Die äußere Wirkung von Instrumenten wie Hirnstrom-Messgeräten oder Bestrahlungslampen könne zudem dazu beitragen, das Vertrauen von Patienten in die Behandlungsmethode zu gewinnen. „Ich muss einem Blutdruckmesser auch zutrauen, dass er meine Blutdruckwerte richtig ermitteln kann“, sagt Wellmann. Die Diplom-Designerin nennt als Beispiel einen Ultraschall-Vernebler des Medizinapparate-Herstellers Suchatzki, der auf seinem Gebiet technisch führend sei. Doch leider hätten die Inhalationsgeräte dies nicht ausreichend vermittelt. Deshalb habe ihr Unternehmen das Gerät zum Einatmen von Arzneien „behutsam den modernen Sehgewohnheiten angepasst“. Geräteform, Knöpfe, Schalter und auch die Beschriftung können selbst ein technisch hochwertiges Gerät alt aussehen lassen. Auch Farben können abstoßen. „Es muss ja nicht alles in OP-Grün lackiert sein, sondern vielleicht auch mal in Hellblau oder mit auflockernden Elementen in Orange“, schlägt Wellmann vor.

Neben der Wirkung auf die Patienten haben die Designer vor allem den praktischen Nutzen im Blick. Bei einem digitalen Röntgengerät für Zahnärzte hat beispielsweise das Münchner Unternehmen Designafairs „leicht zu reinigende Oberflächen und langlebige Materialien“ gewählt. Ein freundlich wirkendes Äußeres, einfache Hygiene und rasche Bedienbarkeit: der Kriterienkatalog ist umfangreich.

Ein Projekt der :echtform-Designer befasst sich mit der ergonomischen Gestaltung eines universell einsetzbaren Hilfsgerätes, das alle Schritte eines chirurgischen Eingriffs von der Planung bis zur Ausführung unterstützt und am Zentrum für Sensorsysteme (ZESS) der Universität Siegen entwickelt wird. Beim Einsetzen künstlicher Hüftgelenke kommt es zum Beispiel darauf an, dass die neue Gelenkpfanne millimetergenau im Becken verankert wird, damit das Bein später optimal beweglich ist. „Bisher fräst und hämmert der Chirurg frei Hand in den Hüftknochen hinein“, sagt Wellmann.

Das Hilfsgerät soll den Operateur künftig entlasten, indem es die nötigen Werkzeuge präzise in der geplanten Position hält. Die Designer von :echtform sollten die Neuentwicklung möglichst gut handhabbar machen und waren dazu „auch mal bei einer Hüft-Oparation dabei, um zu sehen, wie die Chirurgen vorgehen und wie viel Platz im OP sie benötigen.“ Das habe sich gelohnt: Denn so, wie das Gerät ursprünglich gedacht war, „hätte der Chirurg drei Hände haben müssen“, sagt Wellmann.
Link: SZ Titel Nr. 154